Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Dreistufenlandwirtschaft im Bregenzerwald

Antragsteller: Michael Moosbrugger i.V. Verein zur Förderung der Bregenzerwälder Käsekultur
Bundesland: Vorarlberg

Da das silofreie Futter aus den hofeigenen Flächen bei den meisten im Bregenzerwald angesiedelten bäuerlichen Betrieben nicht ausreicht, um das Vieh ganzjährig zu versorgen, bedienen sich die Bregenzerwälder Bäuerinnen und Bauern bis heute einer altbewährten Bewirtschaftungsform, der so genannten Dreistufenlandwirtschaft. Im jahreszeitlichen Kreislauf der Dreistufenlandwirtschaft ziehen die Familien oder ein Teil der Familie im Spätfrühling mit dem Vieh vom Hof zuerst auf das Vorsäß (eine niedrig gelegene Alm) und etwa Anfang Juli auf die Alpe.


Erfahrungswissen im Umgang mit der Lawinengefahr

Antragsteller: Alpinarium und Gemeinde Galtür, Lawinenkommission Gargellen, Montafoner Museen, Österreichischer Alpenverein, Österreichischer Berg- und Schiführerverband
Bundesland: Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg

Der alpine Lebensraum fordert von seinen BewohnerInnen eine intensive Auseinandersetzung mit dem hochkomplexen Phänomen Lawine. Die Aneignung von Wissen über Lawinen ist seit Beginn der Nutzung des Alpenraums notwendig, um dort überleben zu können. Bis heute sind Lawinen nicht vollständig durch die Wissenschaft berechen- und vorhersagbar. Umso höher ist daher der Stellenwert von Erfahrungswissen im Umgang mit der Lawinengefahr. Dieses Erfahrungswissen ist zum Teil ortsbezogen und wird durch alpine Organisationen, innerhalb der Familie bzw. in der Schule weitergegeben. Der Erwerb von Wissen erfolgte in der Vergangenheit durch intensive Naturbeobachtung und den schmerzhaften Lernprozess nach Lawinenkatastrophen. Die Vermittlung und Tradierung dieses Erfahrungswissens geschah jahrhundertelang mündlich von einer Generation zur nächsten. Seit dem 20. Jahrhundert – verstärkt ab den 1950er Jahren – wird es von wissenschaftlichen Forschungen ergänzt. So hat sich im Laufe der Zeit der Schutz des Siedlungsraumes und der Verkehrswege sukzessive verbessert und das Wissen im Umgang mit der Lawinengefahr wird heute von lokalen und überregionalen Gemeinschaften in den Bereichen Sicherheit, Bildung, Technik und Rettungswesen vermittelt und angewendet.


Falknerei

Antragsteller: HR Dr. Harald Barsch, Österreichischer Falknerbund und Zentralstelle Österreichischer Falknervereine (ZÖF)
Bundesland: Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg, Wien

Falknerei ist die Kunst, mit Vögeln zu jagen. Im engsten Sinne umfasst der Terminus „Falknerei“ die Jagd mit speziell dafür abgerichteten Falken, es werden aber auch Habichte, Sperber und Adler eingesetzt. Neben der Jagd dient die Falknerei auch der Nachzucht von Greifvögeln.


Heilwissen der PinzgauerInnen

Antragsteller: TEH Verein, Obfrau Theresia Harrer, GF Mag. Karin Buchart
Bundesland: Salzburg

Das überlieferte Heilwissen der PinzgauerInnen und seine praktische Anwendung wurden im Jahr 2005 erstmals erhoben und schriftlich dokumentiert. Es liegt eine Liste mit bisher 106 Heilmitteln sowie deren Indikationen und Wirkungen vor. Die verwendeten Heilmittel wie zum Beispiel Pech, Arnika oder Johanniskraut sind lokal verfügbar, in den kulturellen Kontext eingebettet und so untrennbar mit der Region verbunden. Das Erfahrungswissen wird mündlich und praktisch nach dem „Meister-Schüler-Prinzip“ tradiert. Damit ein Rezept weitergegeben wird, muss sich seine Wirksamkeit über Jahrhunderte hinweg bewährt haben.


Salzkammergut Vogelfang

Antragsteller: Salzkammergutverband der Vogelfreunde, Obmann Alfred Riezinger
Bundesland: Oberösterreich

Die Tradition des Vogelfangs im Salzkammergut umfasst den Fang einzelner heimischer Waldvögel im Herbst, die Haltung der Vögel außerhalb der Fangzeit in Volièren, und die Waldvogelausstellung am Sonntag vor Kathrein (25. November), in der die schönsten Vögel aufgrund ihrer Farbenpracht, Unversehrtheit und ihres einwandfreien Pflegezustands prämiert werden. Die Vögel werden mit heimischem, über das Jahr gesammeltem Futter versorgt. Im Frühjahr werden die Vögel mit Ausnahme der Lockvögel wieder in die freie Natur ausgelassen.


Transhumanz – Schafwandertriebe in den Ötztaler Alpen

Antragsteller: Kulturverein Schnals; Verein Pro Vita Alpina Österreich
Bundesland: Tirol

Die Transhumanz in den Ötztaler Alpen ist eine besondere Form des Schafwandertriebs. Die Wanderungen verlaufen über das Timmelsjoch (2494m), das Hochjoch (2885m) und das Niederjoch (3017m) und gelten als die einzige grenzüberschreitende Transhumanz in den Alpen, die über Gletscher führt. Dabei werden nicht nur klimatische, sondern auch Ländergrenzen überschritten. Jährlich werden im Frühsommer rund 5.000 bis 5.500 Schafe aus Südtirol in die Ötztaler Weidegebiete getrieben und im Herbst wieder zurückgetrieben.


Wissen um die Flößerei auf der Oberen Drau

Antragsteller: Oberdrautaler Flößer (Verein)
Bundesland: Kärnten

Die Drau diente in Kärnten bis ins 20. Jahrhundert als wichtige West-Ost-Verbindung und galt ab dem 17. Jahrhundert als die „Kärntner Holzstraße“ für Sägewerke und später Zellulosefabriken. Der früheste urkundlich gesicherte Nachweis eines Güterverkehrs auf der Drau stammt aus dem Jahre 1209. Von Oberkärnten aus wurden Rund- und Schnitthölzer, Eisenprodukte und andere Waren auf Flößen die Drau abwärts verfrachtet. Die mit zwei bis drei Mann besetzten Flöße waren 21,5 m lang, 4,5 m breit, vier- oder fünfstößig und vorne meist mit zwei sowie hinten mit einem Ruder ausgestattet. Zum Zusammenbinden kamen sowohl „Wieden“ (gedrehte Haselstöcke) als auch eiserne Ringhaken zur Verwendung. Das Wissen um die Technik des Floßeinbindens und -fahrens wird auch heute an die junge Generation weitergegeben, indem alljährlich von sechs Ortschaften jeweils ein Floß gebaut und die letzte österreichische Fließstrecke der Drau durchfahren wird.


Wissen um die Haselfichte als Klangholz

Antragsteller: Kassian Erhart, Verein Forum Haselfichte
Bundesland: Tirol

Haselfichten mit ihrem genetisch verankerten Haselwuchs kommen meist in den Waldbeständen der Alpen über 1200 Meter Meereshöhe vor. Nur wenige Holzfachleute sind imstande, diese Holzqualität am stehenden Baum zu erkennen. Eindeutig zu bestimmen ist die Haselfichte, wenn man ein Stückchen Rinde entfernt – und zwar an den in Längsrichtung verlaufenden Rillen. Aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften wird das Holz der Haselfichte seit jeher für den Instrumentenbau, bei dem höchste Ansprüche an die Holzqualität gestellt werden, verwendet.


Wissen um die Lipizzanerzucht

Antragsteller: SHS/Bundesgestüt Piber
Bundesland: Steiermark

Der Lipizzaner ist europaweit die einzige Repräsentationspferderasse, die seit der Renaissance ungebrochen nach traditioneller Art gezüchtet wird. Dahinter steht ein umfangreiches Wissen um Zucht, Haltung und Ausbildung der Pferde, das seit mehr als 400 Jahren von Generation zu Generation im Wesentlichen mündlich weitergegeben wird. Träger dieses Wissens in Österreich sind die MitarbeiterInnen des Bundesgestüts Piber, das seit 1920 Lipizzaner für die Spanische Hofreitschule in Wien züchtet. Alle stammen aus der Region um Piber und haben eine starke Bindung zu den Lipizzanern, was sich mitunter in der Entstehung einer eigenen Sprache zur Beschreibung der Pferde ausdrückt, etwa die „römische Nase“ betreffend. In direktem Kontakt mit den Pferden werden ‚die Gstütler‘ jahrelang von erfahrenen Routiniers ausgebildet. Die Basis der Weitergabe des Wissens sind die täglichen Visiten aller Stallungen und Tagesbesprechungen, wo die Zuchtherde gemeinsam kontrolliert und laufend durchdiskutiert werden. Neben dem Gestütsbetrieb ist auch der internationale Austausch mit anderen Lipizzanergestüten essentiell, denn ein geschärfter "Züchterblick" erhält sich nur in der permanenten Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der Vergangenheit.


Wissen um die Standorte, das Ernten und das Verarbeiten des punktierten Enzians

Antragsteller: Gemeinde Galtür, Bürgermeister LR Anton Mattle
Bundesland: Tirol

Das Wissen um die Standorte, das Ernten und das Verarbeiten des Punktierten Enzians (gentiana punctata) wird in der Tiroler Gemeinde Galtür seit Jahrhunderten weiter gegeben. In den Prozess der Ernte – das Graben und Stechen der kostbaren Wurzel – sowie der Weiterverarbeitung – das Brennen des „Enzer“-Schnaps – ist meist die gesamte Bevölkerung eingebunden. Bis heute wird durch Losentscheid jährlich beim Kirchtag festgelegt, welche Familien an der Wurzelgewinnung teilnehmen und den Schnaps brennen dürfen. Seit dem 17. Jahrhundert garantieren lokale Reglementierungen des Wurzel-Sammelns und allgemeine Naturschutzbestimmungen den nachhaltigen Bestand dieser seltenen Enzianart.


Wissen um traditionellen Samenbau und Saatgutgewinnung

Antragsteller: Verein ARCHE NOAH
Bundesland: Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg, Wien

Jede Kultur hat spezifische Arten und Sorten als Nahrungspflanzen hervorgebracht und das Wissen und die Techniken haben sich den Ernährungsgewohnheiten und den klimatischen Voraussetzungen angepasst. BäuerInnen und GärtnerInnen haben durch gezieltes Anbauen, Pflegen, Auswählen, Nutzen und Vermehren eine enorme Vielfalt geschaffen. Das Wissen um Samenbau, Samenernte, Selektion, Reinigung und Lagerung wurde und wird in Familien, aber auch in Gemeinschaften von Generation zu Generation weitergegeben. Die bestens an die regionalen Bedingungen angepassten Hof- und Lokalsorten sind nicht nur Ernährungsgrundlage von Familien, Gemeinschaften und Regionen, sondern schaffen innerhalb dieser auch gemeinsame Identität. So sind etwa der Lungauer Tauernroggen, die Wildschönauer Krautingerrübe oder der Vorarlberger Riebelmais unmittelbar mit lokalen Produkten bzw. Gerichten verbunden.