Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Roman - die Sprache der Burgenland-Roma

Antragsteller: Barbara Schrammel i.V. Verein [spi:k] und Emmerich Gärtner-Horvath i.V. Verein Roma Service
Bundesland: Burgenland
Bereich: Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen
Aufnahmejahr: 2011

Beim Roman handelt es sich um eine Varietät des Romani, die spezifisch für die im Burgenland lebenden Roma ist und ausschließlich auf österreichischem Staatsgebiet gesprochen wird. Das Roman kann auf eine über 500-jährige Tradition zurückblicken und wird heute in allen gängigen Medien der Burgenland-Roma verwendet. Gesprochen wird Roman hauptsächlich im familiären Umfeld, aber auch mit Freunden und anderen Mitgliedern der Volksgruppe. Die Weitergabe des Roman erfolgt in erster Linie außerhalb der Familien in Form von Sprachkursen für verschiedene Alterstufen. Da dem Roman seitens der Mehrheitsbevölkerung ein nur geringes Ansehen eingeräumt wird und kaum Interesse daran besteht, sind viele Roma im Burgenland dazu übergegangen, sich hauptsächlich der Mehrheitssprache Deutsch, aber auch der beiden Minderheitensprachen Kroatisch und Ungarisch zu bedienen.

Das Roman ist als Sprache der burgenländischen Roma hauptsächlich im Burgenland verbreitet und ein wichtiger Bestandteil des Kultur- und Spracherbes der dortigen Roma. In anderen österreichischen Städten außerhalb des Burgenlandes finden sich nur wenige TrägerInnen dieses Idioms. Ein wichtiger Vermittler des Roman ist der Verein Roma Service, der neben Texten auch Lehrmaterialien erstellt, Übersetzungen anfertigt, Sprachkurse anbietet und zur Geschichte und Kultur der Burgenland-Roma arbeitet. Der Verein [spi:k] – Sprache, Identität, Kultur widmet sich der sprachwissenschaftlichen Untersuchung des Roman, der kontinuierlichen linguistischen Auswertung der jüngeren Textproduktion sowie der Erstellung von Online- und Printwörterbüchern. Auch die Universität Graz arbeitet im Rahmen des Projekts „treffpunkt sprachen“ seit 1993 eng mit den Burgenland-Roma zusammen. Alle drei Vereine und Institutionen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit.

Aufgrund soziohistorischer Entwicklungen wie zum Beispiel einer Zwangsassimilierung unter Maria Theresia wurden die Burgenland-Roma innerhalb der europäischen Roma isoliert und marginalisiert. Nur ein paar hundert überlebten den Völkermord der Nationalsozialisten. Besonders betroffen davon war die heutige Großelterngeneration. Die Zerstörung der Sozialstruktur der Roma, ihre Stigmatisierung und Diskriminierung zu Kriegsende führte zu einer Art selbst verordneter Zwangsassimilierung und einer Sprachverweigung. Erst Ende der achtziger Jahre wurde das Roman im Rahmen einer einsetzenden Selbstorganisation und Emanzipation der Burgenland-Roma wieder zu einem wesentlichen Faktor ihrer Identität. Im Gegensatz zur heutigen Elterngeneration (40 aufwärts) erfolgt der Erwerb des Roman gegenwärtig mit wenigen Ausnahmen außerhalb des Elternhauses. Es werden Kurse für alle Alterstufen (Volksschüler, Hauptschüler und Erwachsene) angeboten.

Lange Zeit war die Verwendung des Roman auf bestimmte Domänen beschränkt, was sich auch im Wortschatz widerspiegelte. Im 20. Jahrhundert kam es zu einem entscheidenden Wandel in Bezug auf die Verwendungsbereiche. Einerseits kam es zur Abnahme der Verwendung in der Alltagskommunikation, andererseits zur Schaffung einer schriftlichen Form. Heute ist ein kreativer Umgang mit der Sprache im Bereich der Wortneubildung festzustellen. Die sprachliche Erschließung neuer Domänen wie beispielsweise des Internets hat es notwendig gemacht Lehnwörter aufzunehmen, um so neue Sachverhalte und Gegenstände ausdrücken zu können. Auch die Form der Tradierung hat sich geändert und findet kaum noch innerhalb der Familien statt.

Das Roman wird hauptsächlich im familiären Kontext sowie unter Freunden verwendet und ist somit in erster Linie die Sprache des sozialen Mikrokosmos. Es ist seit den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wieder tief in der Identität der burgenländischen Roma verankert und kann auf eine 500-jährige Tradition zurückblicken.

Da es keinen Staat gibt, in dem das Romani oder dessen Varietäten Staatssprache sind, befinden sie sich verglichen mit anderen Minderheitensprachen generell in einer benachteiligten Situation. Es gibt keine staatlichen Institutionen, die sich der Pflege und Tradierung der Sprache widmen. Den größten Risikofaktor für den Fortbestand des Roman stellt der Rückgang in der Verwendung der Sprache durch die Burgenland-Roma selbst dar. Einen wesentlichen negativen Einflussfaktor auf die Verwendung des Roman bildet sein geringes Ansehen in den Augen der Mehrheitsbevölkerung. Diese ist nicht am Erwerb von Roman-Sprachkenntnissen interessiert und erachtet sie nicht als nutzbringend. Dieser Umstand wiederum verstärkt bei den Roma das Gefühl der Minderwertigkeit ihrer Sprache und führt durch das Vorziehen des Deutschen, Kroatischen oder Ungarischen gewissermaßen zu einem Teufelskreis.

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